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The Kinks, Dead End Street, 1966

Text/Musik/ Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Nach den Beatles waren es immer die Kinks, die unter den grossen britischen Bands der 1960er Jahre Soundexperimente wagten. In Ray Davies hatten sie zudem einer der profiliertesten Songschreiber ihrer Generation. Ohne seine Worte oder Themen zu verwässern, gelang es Davies, den Mittelweg zwischen McCartneys Sentimentalität und Lennons Zynismus zu gehen. „Dead End Street“, ein Song über Armut, weckt Mitgefühl, ohne zu bevormunden, bringt Wut zum Ausdruck, ohne verbittert zu sein.

Das Genie verbirgt sich im Detail, wenn Davies in vier kurzen, brillanten Zeilen die Szenerie beschreibt: Durch die Decke verläuft ein Riss, der Abfluss in der Küche ist undicht, keine Arbeit, kein Geld, und auch am Sonntag gibt’s nur Brot und Honig. Für den Erzähler fehlt es den „Sixties“ entschieden an „Swing“. Der Sound des Songs ist höchst eigentümlich. Die klagende Trompete stützt die Melodie, es gibt plötzliche Rhythmuswechsel und ein geschriener Backgroundchor hilft über die Gefühle von Hochmut und Verzweiflung hinweg. Die Kinks-Kollegen Dave Davies und Pete Quaife nannten „Dead End Street“ einen der drei besten Songs, die Ray je geschrieben hat. Sein Einfluss – fröhliche Melodie begleitet trostlose Geschichte – ist in britischen Bands wie Madness und The Smiths zu hören, allesamt englische Essayisten.

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The Beach Boys, Good Vibrations, 1966

Text/Musik/ Brian Wilson, Mike Love

Produzent/ Brian Wilson

Label/ Capitol

Angeregt durch den ambitionierten Pop der Beatles liess Beach Boy Brian Wilson die Welt der simplen Surf-Hymnen hinter sich, um sein eigenes komplexes Opus zu kreieren. Das Ergebnis, das Album „Pet Sounds“ (1966), übertraf die anspruchsvolle Vorgabe der Beatles in Sachen experimentieller Rock. Aber Wilsons grossartigstes Statement stand noch aus.

„Good Vibrations“ entstand während den Aufnahmen zu „Pet Sounds“, wurde aber erst Monate nach dessen Veröffentlichung fertig. Wilson verbrachte acht Monate in diversen Studios damit, den epischen Track aufzunehmen. Seine beispiellose Detailveliebtheit war nicht unschuldig an Wilsons Nervenzusammenbruch 1967, führte aber auch zu einem phänomenalen, ebenso ausgefallenen wie prägnanten Resultat.

Von Wilsons Pressesprecher Derek Taylor stammt der Ausdruck „Hosentaschensymphonie“. Die barocke Musik zeichnet sich durch romantische Symbolik, üppige Harmonien und ungewöhnliche Instrumentierung ( inkl. Theremin) aus. „Good Vibrations“ ist ein seltsam unwiderstehlicher Song, vollgepackt mit Ideen.

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Nina Simone, Sinnerman, 1965

Text/Musik/ Traditional

Produzent/ Hal Mooney

Label/ Philips

Anfang der 1960er Jahre etablierte Nina Simone den Gospelstandard „Sinnerman“ als charakteristischen Bestandteil ihres Repetoires; in ihren Live-Shows in New York bildete der Uptempo-Song das starke Finale. Doch erst nach ihrem Wechsel von Colpix zu Philips 1964 wurde er veröffentlicht. Der Live-Mitschnitt eines Konzerts in Greenwich Village kam sträflicherweise nicht auf das 1962er Album „Nina at the Village Gate“.

Der Wechsel zu Philips fiel mit Simones wachsendem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung zusammen. Ihr erstes Album bei diesem Label, „Nina in Concert“, 1964, beinhaltete „Mississippi Goddam“ und „Old Jim Crow“, und die politischen Botschaften setzen sich auch im folgenden Jahr auf „Pastel Blues“ fort. Die über zehn Minuten lange Studioaufnahme von „Sinnerman“ passt gut in dieses Album, neben Coverversionen von Bessie Smith („Nobody Knows You When You’re Down and Out“) und Billie Holiday („Strange Fruit“). Es ist ein starker Abschluss (wie in den Konzerten), bleibt aber durch die „Power!“-Ausrufe auch dem Thema Bürgerrechte treu.

Nina Simone kannte „Sinnerman“ vermutlich schon als Kind, von den Kirchentreffen ihrer Mutter, einer Methodistenpredigerin. Der traditionelle Spiritual tauchte in vielen Versionen auf, bevor Simone ihn ins Repertoire aufnahm. Berühmt wurde er 1959 durch die Weavers.

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Howlin‘ Wolf, The Red Rooster, 1961

Text/Musik/ Willie Dixon

Produzent/ Willie Dixon

Label/ Chess

„The Red Rooster“ – in späteren Versionen auch „Little Red Rooster“ genannt – wird dem Komponisten und Bassisten Willie Dixon zugeschrieben. Howlin‘ Wolf erinnerte sich jedoch, den Song Jahre zuvor von Blues Gitarrist Charley Patton gehört zu haben. Tatsächlich weist der Dixon-Song grosse  Ähnlichkeit mit einem Patton Song aus dem Jahre 1929 auf. Andere Blues-Sänger griffen danach das sinnträchtige Bild vom verirrten Hahn auf, insbesondere Memphis Minnie, die 1936 „If You See My Rooster (Please Run Him Home)“ aufnahm.

Im Wolfs Version ist der Komponist am Bass neben Gitarre, Klavier und Schlagzeug zu hören, aber Wolfs Slide-Gitarre stiehlt allen die Schau. Langsam und düster erzählt Wolf die Geschichte vom kleinen roten Hahn, der zu faul zum Krähen ist, dann aber anfängt herumzustreunen und von Hunden verfolgt wird. Am Ende fleht der Erzähler, jemand möge den Hahn nach Hause bringen. Die Metapher vom verirrten Ehemann ist eindeutig, erst recht in der Coverversion der Rolling Stones, in der sich der Sänger als jemand zu erkennen gibt, der Rooster genannt wird.

Nach der Single Veröffentlichung 1961 kam der Song auf Howlin‘ Wolfs zweites Album (1962). Soulsänger Sam Cooke kam mit dem Song 1963 in die R&B-Charts, und den Rolling Stones gelang mit ihrem Cover 1964 die ideale Mischung aus Cookes Soul und Wolfs Blues:

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The Rolling Stones, Little Red Rooster, 1964

Text/Musik/ Willie Dixon

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ London